Hans Bertram


Heute im Jahr 2015, dem 25. Jubiläumsjahr nach der vollzogenen Wiedervereinigung, schrieb und verfasste ich dieses Buch zur Erinnerung und gegen das Vergessen.


Ich schrieb dies in tiefem Gedanken an jene, die unter der Trennung von ihrer Heimat, Verwanten und Freunden, durch Flucht und Zwangsaussiedlung aus den Sperrbezirken und der Zwangskollektivierung gelitten und gekämpft haben, die heute nicht mehr unter uns sind.

 

Einleitung

 

 

Dieser Bericht kommt von einem heute 83-jährigen Sohn eines Landwirts. Aufgewachsen auf dem elterlichen Bauernhof im Ort Ostingersleben, 12 km östlich von Helmstedt an der Bundesstraße 1 und der Autobahn A2 gelegen. 1953 durch die Auswirkungen der Zwangskollektivierung der Agrarwirtschaft nach Westdeutschland geflüchtet. Von 1958 bis 1992 habe ich in Wolfsburg einen landwirtschaftlichen Betrieb bewirtschaftet. 
In der alten Heimat, im Nachbarsdorf Ostingersleben - Eimersleben, habe ich den mir bereits vor meiner Flucht zugedachten landwirtschaftlichen Betrieb aus dem Volkseigentum rückgeführt und noch zwei Jahre, bis zu meinem Ruhestand 1992, bewirtschaftet.
Mit dem Ackerbaubetrieben des alten Bundeslandes in Wolfsburg, wie auch dem im neuen Bundesland in Eimersleben (Kreis Haldenleben) und den acht Erdbeerplantagen in Wolfsburg-Helmstedt-Königslutter und Magdeburg waren weit über 500 ha zu bewirtschaften.

 

Meine Heimat in einem Dorf mitten in Deutschland, am Westrand der Magdeburger Börde gelegen, hatte den Krieg gut überstanden. Auch die privatbäuerliche Landwirtschaft, Handwerk und Gewerbe waren noch ziemlich gut intakt. Dennoch hatte der Krieg große Lücken gerissen und so mancher Sohn und Vater war nicht aus dem Krieg zurückgekehrt. 
Die anfallenden Arbeiten auf den Höfen wurden gemeinsam mit vielen Ausgebombten und Heimatvertriebenen, die ungleich Schlimmeres hinter sich hatten, verrichtet. In diesen ersten Jahren nach dem Krieg war die Beschaffung von Nahrung das Wichtigste.
Noch wusste keiner in den Dörfern meiner Heimat, dass bald die Zeit der neuen Tragödien beginnen würde.
Nach den Verträgen von Jalta im Februar 1945 wurde das zunächst von den Amerikanern eroberte Gebiet Deutschlands, teilweise auch meine Heimat - die gesamte Magdeburger Börde - an die Siegermächte der Sowjetunion übergeben.
Von der Zwangskollektivierung der Landwirtschaft während der Stalin-Ära in der Ukraine und der Sowjetunion, der Verschleppung der enteigneten Bauern ins Hinterland bis nach Sibirien, wusste man bei uns kaum noch etwas. Nur einigen war bewusst, dass dieses System ein Feind von Privatwirtschaft, Eigeninitiative und unternehmerischen Denkens ist. All das sollte liquidiert werden und den Beginn der folgenden Tragödien bildete die Zwangskollektivierung, die Verhaftung und daraus resultierend die Flucht in den freien Teil Deutschlands für einen Neuanfang.

 

25 Jahre nach der Wiedervereinigung Deutschlands und 62 Jahre nach der Flucht geben mir heute den Anstoß aus der Distanz, die die Zeit schief, diese Erlebnisse zu Papier zu bringen. Ereignisse, unter denen eine Generation gelitten hat, von der heute kaum noch einer lebt. Unsere Kinder und Kindeskinder - und folgende Generationen - sollten sie nicht in die Vergessenheit geraten lassen.

Ab 1945, von meinem 13. Lebensjahr an bis zur Wiedervereinigung, war ich ständiger Grenzgänger und habe die innerdeutsche Grenze etwa 1.500-mal legal und illegal passiert.
In den folgenden Ausführungen verdeutlicht sich, welche Abenteuer auf allen Ebenen erlitten und überwunden werden mussten.